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Interview With Prof. Dr. Volker Mergenthaler

Submitted by Andrew M Bedell on June 15, 2012 - 10:04am
Volker Mgergenthaler - Denny Hall

Dieses Jahr begrüßen wir Prof. Dr. Volker Mergenthaler (Universität Marburg) als Kade Visiting Professor im Department of Germanics an der University of Washington. Volker Mergenthaler hält ein Seminar über „'Nine Eleven', das literarische Feld und die deutschsprachige Literatur“ und wird der keynote speaker auf der German Graduate Conference 2012 zum Thema „Acceptance in German Literary and Visual Culture“ sein.

Romeike Jeske (RJ) und Verena Kick (VK): Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für ein Interview genommen haben. Als eine Einstiegsfrage für Sie: Welches Buch hat eine wichtige Bedeutung für Sie – persönlich oder akademisch?

Volker Mergenthaler: Es fällt mir schwer ein Lieblingsbuch zu finden. Wenn man sich länger mit literarischen Texten befasst, merkt man schnell, dass es immer wieder Bücher gibt, auf die man zurückkommt und die durch kulturelle Verdichtungsprozesse in den Vordergrund rücken. Das muss aber nicht heißen, dass dies dann die Bücher sind, die einem persönlich am Herzen liegen. Das läuft dann  hinaus auf die Bibel, die Metamorphosen, die Kritik der Urteilskraft, die Benjaminschen Abhandlungen – dies umreißt dann grob einige der Texte, mit denen ich mich ganz gern beschäftigt habe und beschäftige.

RJ: Welches Buch liegt denn zur Zeit auf Ihrem Nachttisch?

Mergenthaler: Ich bin zu müde am Abend um noch zu lesen. Daher liegen alle Bücher auf meinem Schreibtisch. Aber ich kann darauf antworten, welches Buch ich gerade in der Hand habe und das wäre die Reclamausgabe von Heinrich Claurens Mimili, ein unter Pornografie-Verdacht stehender Text von 1815, den ich davon entlasten möchte. Ein Buch, das gerade noch in meinem Seminar zu 9/11 in meiner Hand lag, war Bryant Park von Ulrich Peltzer.

VK: Sie forschen zur Gegenwartsliteratur – wie schaffen Sie es einen Überblick über Neuerscheinungen und Publikationen zu behalten?

Mergenthaler: Der Perlentaucher ist ein hervorragendes Instrument. In Marburg habe ich als meinen Zimmernachbarn meinen Kollegen Jan Süselbeck, der die Online-Redaktion von literaturkritik.de betreut und gegenüber von mir sitzt Thomas Anz, der Herausgeber von literaturkritik.de. Durch sie findet viel Dialog über Neuerscheinungen statt und es sind auch häufig aktuelle Autorinnen und Autoren nach Marburg eingeladen.  Das hilft natürlich, aber einen Überblick behalten zu wollen, bleibt utopisch.

RJ: Als Forschungsgegenstände haben sich für uns nach der Durchsicht Ihrer Bibliografie „Krieg“, „Trauer“, und „Berge“ herauskristallisiert. Sie interessieren sich scheinbar für Katastrophen- und Ausnahmezustände bzw. für die Erzählung und Inszenierung derselben?

Mergenthaler: Ja, das trifft schon zu. „Berge“ haben schon eine Rolle gespielt, sie sind aber nicht so zentral. Der gefährdete Körper und das gefährdete Bewusstsein, sei es im Krieg, sei unter den Bedingungen von Folter oder körperlicher Gewalt, sind, sobald es um Versprachlichungsprozesse geht, deswegen interessant, weil die Sprache hier an ihre Grenze kommt. Das ist eine Chance für die Dichtung, an sich selbst zu wachsen, indem sie über diese Grenzerfahrung nachdenkt. Das ist natürlich nicht die einzige schematische Schnittstelle, an der Literatur interessant wird, aber Grenzerfahrungen sind für mich schon sehr reizvoll. Ich habe aber auch über „Liebe“ und „das Schöne“ geschrieben, nicht nur über Enthauptungen und Kriege. Trauer ist auch eine Konstellation, in der Sprache mit einer Krisensituation konfrontiert ist - mit dem Versuch das Absolutum des Todes zu verstehen. Da kann Literatur etwas leisten, das religiöses Sprechen auf eine ganz andere Weise vollbringt und das Alltagssprache aus Überforderung nicht leisten kann. Hier hat Literatur ein Potential, das sehr kostbar ist.

VK: Haben Sie wesentliche Wende- oder Kehrpunkte in Ihrem bisherigen Forschungsverlauf erlebt?

Mergenthaler: Das Ende meines Studiums war eine Phase, in der stark über poststrukturalistische Theorieparadigmen diskutiert wurde, sei es es Foucault, Barthes, Derrida oder Kristeva, die ohne ihre Gültigkeit zu verlieren in einen Werkzeugkasten eingelassen wurden, mit dem man textgerecht zu arbeiten versuchte. Was ich dann mit Neugier verfolgt habe und auch versucht habe mitzutragen ist der cultural turn. Das ist die letzte Wende, die ich als mächtigen Paradigmenwechsel wahrnehmen würde. Am interessantesten finde ich im Moment, dass es nicht mehr um Grundsatzfragen geht, ob man ein Theorieparadigma befürwortet oder nicht. Diese Zeit scheint vorbei zu sein. Dies ist nicht die eine Wende, aber es waren diese große Bewegungen insgesamt, die für mich inspirierend waren.

RJ: Wie ist es über 9/11 in den Staaten zu forschen und nachzudenken? Sie waren in New York, bevor Sie nach Seattle geflogen sind. Haben Sie sich ground zero, Bryant Park und die Public Library angesehen?

Mergenthaler:  Ich war schon einmal in New York, 2002, ziemlich genau zum Jahrestag der Anschläge, aber aus privaten Gründen und habe mir damals schon viel angesehen. Vor fünf Wochen war ich nochmals für eine Woche in New York, und hatte die Gelegenheit das Memorial Center und die Baustelle zu sehen und zu erleben wie sich die Gedächtniskultur verändert hat: von spontanen Bekundungen, Vermisstenanzeigen und Trauergedichten hin zum beeindruckenden Memorial Center, das die Formen des Gedenkens stark steuert.

In der Vorbereitung auf das Seminar hier an der UW dachte ich, dass eventuell andere Sprachregelungen in einem amerikanischen Umfeld herrschen. Aber nach den ersten Seminarsitzungen habe ich den Eindruck, dass sich deutsche von amerikanischen Regeln des akademischen Schreibens und Denkens über 9/11 nicht grundlegend unterscheiden.

VK: Sie haben sich in Ihrer Dissertation aus dem Jahr 1999 mit dem Zusammenspiel von visueller Wahrnehmung und Literatur beschäftigt? Wie ist es zu diesem Forschungsschwerpunkt gekommen und wie beeinflusste diese Perspektive Ihre weiteren Forschungen?

Mergenthaler: Ich hatte noch das Glück unter Bedingungen studieren zu dürfen, nicht modularisiert und ohne Druck von Regelstudienzeiten, so dass ich viele Seminare besuchen konnte, im eigenen Fach und auch in fachfremden Kontexten, und so Interessen sammeln konnte. Auf diese Weise entstanden Facetten eines Themas, das sich nach und nach abgezeichnet hat. So hat sich ein Dissertationsthema entwickelt, dessen Exposé durch die Arbeit ziemlich genau eingelöst worden ist. Das war bei der Habil ganz anders.

RJ: Auch in der im Seminar besprochenen Literatur zu und über 9/11 kommen Fotografie oder Film in Relation zum literarischen Text vor. Wir würden Sie gerne fragen, ob Sie auch generell zu Filmen arbeiten oder Ihr Fokus auf der literarischen Verarbeitung liegt?

Mergenthaler: Ich habe sehr intensiv zu Filmen gearbeitet, in meiner Tübinger Zeit, da die dort ansässige Medienwissenschaft sich stark für praktische Fragen interessierte. Analyse, Interpretation, Lektüre von Filmen wurde von den Medienwissenschaften dort eigentlich kaum betrieben. Zusammen mit einem Kollegen aus Frankfurt, Heinz Drügh, habe ich zunächst außercurriculare Angebote zur Filmanalyse gemacht, um diesen Ansatz in den Lehrbetrieb einzubeziehen, aber auch filmische und fotografische Artefakte und andere neuere Medien in Seminare aufgenommen, da diese in der Literatur, die diese Medien kennt, natürlich eine wichtige Rolle spielen. Und ich hätte das immer als Verengung begriffen, wenn man das ausgeklammert hätte. Seit ich in Marburg bin, wo es eine sehr aktive und profilierte Medienwissenschaft gibt, die gerade solche Fragen auch selbst stellt, ist meine eigene Beschäftigung mit Film etc. etwas in den Hintergrund getreten. Das Interesse besteht fort, aber die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Außerdem fragen meine derzeitigen Projekte nicht zwingend nach der Integration von filmischen und fotografischen Artefakten.

RJ: Ihre Habilitation zu „Völkerschau - Kannibalismus - Fremdenlegion: zur Ästhetik der Transgression (1897-1936)“ haben Sie vier Jahre nach Ihrer Dissertation publiziert – das fanden wir bewundernswert aufgrund des zügigen Schreibprozesses. Waren Sie schon längere Zeit diesem Projekt auf der Spur? Woraus hat sich Ihr Interesse am Konzept der Transgression entwickelt?

Mergenthaler: Die erste Frage geht davon aus, dass die Erscheinungsjahre von Büchern auch in irgendeiner verlässlichen Nähe zu ihren Herstellungsdaten stehen und das ist nicht immer der Fall. Also, die Dissertation ist 1999 fertig geworden und die Habil 2004, da lagen also fünf Jahre dazwischen. Und dann muss man immer noch die Rahmenbedingungen bedenken: Meine Dissertation hat weniger Zeit in Anspruch genommen, ist aber umfangreicher. Das lag daran, dass es Vorarbeiten gab und dass ich in einem Graduiertenkolleg war, das sehr günstige und produktive Rahmenbedingungen gestiftet hat – eine wundervolle Zeit, in der man mit sehr viel Schwung, Kommunikation und Austausch an einer Sache arbeiten konnte und noch nicht durch Verpflichtungen wie Lehre abgelenkt oder angestrengt war. Und die Habilitation ist unter anderen Bedingungen entstanden, als ich auf einer Assistentenstelle mit Lehrdeputat und Verwaltungsaufgaben war und deswegen hat diese Arbeit etwas mehr Zeit in Anspruch genommen. Zu dem Thema bin ich über eine Stellenausschreibung gekommen, zu der man ein Exposé über Interkulturalität entwerfen sollte. Ich hatte ein paar Wochen Vorlauf für den Entwurf, aber die Stelle ist dann doch nicht freigegeben worden, aber an dem Thema wollte ich dann doch festhalten. Es hieß ursprünglich „Poetik" oder "Rhetorik der Interkulturalität“ und hat eine Reihe von Texte, die dann in der Habil wichtig wurden, schon ins Visier genommen, aber unter einer anderen Fragestellung. Dass es dann um Phänomene der Ästhetisierung des Übergangs oder unterschiedlicher Übergänge gehen würde, hatte sich da noch gar nicht abgezeichnet. Auch das Textcorpus reduzierte sich erheblich.

RJ: Transgression, Intermedialität, Interkulturalität – könnte man sagen, dass Phänomene des Austauschs insbesondere Ihrem Interesse entsprechen?

Mergenthaler: Ja, unbedingt.

VK: Ihre Dissertation wurde von der Uni Tübingen mit dem Promotionspreis ausgezeichnet – haben Sie einen wesentlichen Tipp für Doktorandinnen und Doktoranden?

Mergenthaler: Vielleicht sich von der Illusion zu verabschieden, dass es den einen Tipp gibt. Die Forschungsprojekte, die Formen, in denen man sich diesen Forschungen widmet, die Schreibkulturen, die Doktorandinnen und Doktoranden finden, entwickeln, generieren, sind so unterschiedlich, dass ich auf der Ebene keinen Tipp geben möchte oder wirklich ernsthaft geben könnte. Das ist alles Themen- und Typ-abhängig.

RJ: Wie haben Sie persönlich denn während ihrer Promotionsphase gut arbeiten können?

Mergenthaler: Die unbeschränkte Freiheit Bücher zu lesen, von denen man schon wusste, das sie für das Thema keine Rolle spielten oder dann doch immer mal wieder eine Rolle spielten. Drei Tage etwas ganz anderes zu machen und miteinander in den Austausch darüber zu geraten und es dann wieder wegzulegen. Das war hinreißend. Aber eben nur möglich aufgrund dieser günstigen Rahmenbedingungen durch das Graduiertenkolleg, das ein tolles Instrument darstellt, wenn es nicht zu sehr strukturiert und verschult ist. Dies bot die Möglichkeit mit themenfremden Kollegen und Kolleginnen ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, gegenseitig zu lesen und auch immer wieder unter dem Druck zu stehen, dass eigene Projekt zu rechtfertigen, die eigenen Schwächen zu reflektieren. Eine sehr konstruktive Zusammenarbeit.

RJ: Also scheint es so, dass vorteilhafte ökonomische Bedingungen einer produktiven Dissertationszeit zugutekommen?

Mergenthaler: Ja, da geht es uns wie den Dichtern auch. Wenn ein Mäzen da ist, der einem freie Hand gibt, dann ist gut ein Epos schreiben.

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